Das Offensive-Research-Team von Anthropic hat nach eigenen Angaben ein KI-Programm erstellt, das sich autonom über internetfähige Fernseher verbreitete. Die Forscher verteilten das Programm auf 15 Geräte, die gemeinsam die nötige Rechenleistung lieferten. Nach Einschätzung von Anthropic wäre ein erfolgreicher KI-Wurm bis Ende des Jahres technisch machbar; Fachleute verweisen zugleich auf bestehende Barrieren und auf die langsame Ausbreitung des Prototyps.
Über den Bericht berichtet der Guardian. Die Forscher beschreiben ein Programm, das sich selbst auf internetfähigen Fernsehern einrichtet und dort Rechenleistung nutzt – ein Aufbau, der an die auf mehrere Gegenstände verteilten Seelenfragmente in den Harry-Potter-Romanen erinnert. Für die Fachöffentlichkeit ist vor allem eines relevant: Die Geräteklasse, auf der das funktioniert, ist für ihre schwache Sicherheit bekannt und lässt sich auch mit erheblichem Aufwand nur schwer nachrüsten.
Würmer zählen zu den zerstörerischsten Schadprogrammen der Internetgeschichte, weil sie sich ohne Zutun eines Menschen verbreiten. Der Morris-Wurm von 1988 nutzte Softwarefehler und schwache Passwörter und legte zahlreiche Rechner lahm; Stuxnet wurde Ende der 2000er Jahre für Sabotage iranischer Zentrifugen eingesetzt; NotPetya und WannaCry verursachten weltweit Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe. Viele dieser Programme nutzten bekannte Lücken, für die Patches längst vorlagen – teils Monate zuvor.
Der Unterschied liegt nach Einschätzung von Ariel Herbert-Voss, früher Sicherheitsexpertin bei OpenAI und heute bei RunSybil, in der Lernfähigkeit: Ein KI-Modell kann sich unterwegs anpassen. Die bestehende Sicherheitsinfrastruktur sei auf eine solche Verbreitung nicht vorbereitet. „We need to better enable our security teams. We need to be giving them more resources to fix problems“, sagte Herbert-Voss dem Guardian.
Anthropic schränkt selbst ein, dass ein erfolgreicher Wurm mehr Fähigkeiten auf schwächerer Hardware benötigt, als derzeit verfügbar sind – die aktuellen Entwicklungskurven machten das aber bis Jahresende machbar. Vorausgegangen war eine Arbeit von Forschern der University of Toronto, die einen vollwertigen Rechner infizierte und sich schneller auf vergleichbare Maschinen ausbreiten konnte.
Andere Fachleute ordnen die Gefahr anders ein. Jonas Guan, Mitautor der Toronto-Studie, verweist darauf, dass sich der Anthropic-Prototyp sehr langsam bewegt und Würmer vorhersehbare, erkennbare Aktionen ausführen, die sich auf mehreren Ebenen blockieren lassen; starke Passwörter und Zwei-Faktor-Authentifizierung würden die meisten Angriffe dieser Art stoppen. Juan Andres Guerrero-Saade von SentinelOne sagte: „Nothing about this is truly feasible or impactful“ – und nannte die Demonstration eine effekthascherische Fingerübung, die zur Stützung von Untergangserzählungen überzeichnet werde.
Chris Inglis, ehemaliger stellvertretender Direktor der NSA und National Cyber Director in der Regierung Biden, hält die Frage der Machbarkeit durch die Vorfälle der vergangenen sechs Monate für beantwortet. Interessanter sei, wie solche Programme eingesetzt, abgewehrt oder mit anderen Technologien kombiniert werden. Anthropic beantwortete eine Interviewanfrage des Guardian nicht.
In den USA sind die Zuständigkeiten offen. Im Kongress liegen mehrere, teils widersprüchliche Gesetzentwürfe; das Weiße Haus hat bislang nur ein kleines Prüfgremium eingerichtet. Gadi Evron, Organisator einer Sicherheitskonferenz in San Francisco, sagte, ein Teil der Warnungen sei Marketing – die Realität übertreffe aber jede Öffentlichkeitsarbeit: „Whatever claims the labs are making, they are not warning us enough.“
Für Handwerksbetriebe und KMU verweist die Debatte auf bekannte Netzhygiene. Relevante Fragen sind:
- Welche Geräte im Netz sind bekannt, und welche werden nicht mehr aktiv betreut?
- Welche Geräte laufen noch mit dem Passwort aus dem Lieferumfang?
- Welche Netzsegmente sehen Server, und welche nur Drucker oder Kameras?
- Wer spielt Firmware-Aktualisierungen ein, und über welchen Weg wird deren Verfügbarkeit bekannt?
Entscheidend ist, ob bekannte Lücken geschlossen werden, bevor sie ausgenutzt werden, und ob im Betrieb eine Zuständigkeit dafür benannt ist. Die KI verändert dabei nicht die Mechanik der Angriffe, sondern das Zeitfenster: Es schrumpft zwischen dem Bekanntwerden einer Lücke und ihrer Ausnutzung.
Autor: Team REN-AI-SSANCE – mit KI-Unterstützung erstellt, von Menschen geprüft und freigegeben.
Quelle: The Guardian – Originalartikel vom 18.10.2026; Abruf/Archivstand: 19.10.2026




